Polynesien: Kulturraum erklärt


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Wer einem Verständnis des polynesischen Kulturraums näher kommen mag, der sollte sich in einem ersten Schritt vielleicht bewusst machen, dass es sich bei Polynesien um eine europäische Konstruktion des 18. Jahrhunderts handelt: Der Begriff, der sich aus den beiden griechischstämmigen Wortteilen ‚poly‘ – also viel – und nesien – einer Bastardisierung des griechischen ‚nesoi‘, was sowohl ‚Inseln‘ heißt wie auch die personifizierten Inseln als Göttinnen in der antiken Mythologie bezeichnet – zusammensetzt, wurde von dem großen französischen Gelehrten und frühen Enzyklopädisten Charles de Brosses aus der weiten Entfernung des französischen Kernlandes um 1756 erfunden, ohne dass er Polynesien jemals selbst gesehen hatte.

Gemeint waren damit bei Brosses ohne genauere Qualifikation sämtliche Inseln des pazifischen Ozeans. Im 19. Jahrhundert griff ein französischer Admiral den Begriff erneut auf, um ihn dann etwas enger zu führen. Er unterschied auf der Basis von ethnischen und linguistischen Kriterien und mit einem besseren Wissen um die örtlichen Gegebenheiten ganz klar zwischen Mikronesien, Melanesien und Polynesien (siehe Karte oben) und schuf damit Klassifikationen, die noch heute weitgehend Bestand haben.

Die Fläche

Und auch wenn die genaue Definition Polynesiens noch immer schwer fällt, bezeichnet es heute eigentlich alles Land und auch Wasser in dem großen Dreieck zwischen der amerikanischen Insel Hawaii im Norden, dem Pazifikstaat Neuseeland im Südwesten und der chilenischen Osterinsel im Südosten. Dieses etliche Millionen Quadratkilometer Wasser umspannende Gebiet ist durchsetzt von Inseln, die nicht auf eine gemeinsame Landmasse zurückgehen, sondern jeweils sehr eigene Entstehungsgeschichten haben. Neuseeland, das mit 91 % den größten Landteil Polynesien bildet, ist eins von der Antarktis losgebrochen und auf Reisen gen Nordosten gegangen, sämtliche andere Inseln dahingegen sind das Ergebnis von Vulkanausbrüchen.

Der Polynesier?

Die enormen Distanzen, trotz aller europäischen Gleichmacherei anderen Klima- und Naturbedingungen und abweichenden zeitlichen Entwicklungen lassen es eigentlich kaum zu, von einer einheitlichen polynesischen Kultur zu sprechen.

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Musikfestival „Napuan“ auf Vanuatu

Was Polynesien mit seinen vielen lokalen Kulturen und Bevölkerungsgruppen vielleicht eint, ist, dass es umfassend kolonialisiert wurde, dass seine Einwohner darum bemüht sind, voreuropäische Traditionen, Bräuche und Charakteristika ihrer Kultur am Leben zu erhalten oder wiederzubeleben und dass die heute von gut sechs Millionen Menschen besiedelte Region von gut einer Million Menschen bewohnt wird, die dezidiert nicht europäischer oder asiatischer Abstammung sind, die sich zudem von den anderen Ozeaniern insofern ethnisch unterscheidet, als dass sie helleren Teints und größeren Körperbaus sind und zumindest einigen Forschermeinungen nach gleicher Abstammung sind. Von dem typischen Polynesier zu sprechen, ist daher eigentlich ein unmögliches, jedenfalls ein spekulatives, ein hoffnungslos überholtes, ja, sogar rassistisches Unterfangen.

Einige Besiedelungstheorien

Besiedelungstheorien gibt es etwa so viele wie Sandkörner an den herrlichen Stränden Polynesiens. Belegt ist keine davon und ob es je möglich sein wird, nachzuvollziehen, wie und wann genau dieses riesige Gebiet besiedelt wurde, ist ungewiss.

Zu viele mögliche Anknüpfungspunkte für Belege sind schlichtweg verloren. Die jüngere Forschung hat jedoch anhand von genetischen Untersuchungen kulturhistorische Meinungen stützen können, die davon ausgehen, dass eine Besiedelung Polynesiens vermutlich von Taiwan aus über die Philippinen erfolgte und von Samoa und Tonga, vielleicht auch Fidschi ausging.

Auf der Basis von genetischen und kunsthistorischen Untersuchungen für unwahrscheinlich, allerdings nicht ausgeschlossen gelten zwei Theorien, die versuchen darzulegen, dass Polynesien über Südamerika und von der Osterinsel aus bzw. von Melanesien aus besiedelt wurde. Und auch der Zeitraum für eine Erstbesiedelung schwankt enorm: Während einige Forscher meinen, die Besiedelung hätte bereits um 4000 v. Chr. erfolgen können, glauben andere, dass die Besiedelung um 1500 v. Chr. erfolgt sei. Wieder andere gehen gar von Zeitfenstern aus, die mehrere Jahrtausende lang sind. Bekannter ist dahingegen die europäische ‚Entdeckung‘ und Einflussnahme auf Polynesien. Sie nimmt ihren Ausgang mit der Forschertrias Samuel Wallis (1767), Luous Antoine de Bougainville (1768) und James Cook (1769), der bald Händler, Abenteurer, Strandläufer und Missionare in großer Zahl folgten, was verheerende Folgen für die indigenen Bevölkerungen und Kulturen Polynesiens haben sollte und sich bis ins 20. Jahrhundert hinein zunehmend verschärfte.

Anmerkungen zur Kultur

Und obwohl es durch die Jahrhunderte europäischer Einflussnahme und den beschriebenen Unterschieden schwierig ist, von einer polynesischen Kultur zu sprechen, gibt es doch eine Vielzahl von Gemeinsamkeiten.

So gleichen sich etwa die 36 polynesischen Sprachen erstaunlich stark, so hat sich mit Ausnahme der noch immer unverständlichen, sagenumwobenen Rongorongo-Schrift auf der Osterinsel nirgendwo in Polynesien ein Schriftsystem entwickelt.

Rongorongo

Rongorongo-Schrift

Auch in der Art und Weise wie auf den polynesischen Inseln Landwirtschaft betrieben wird, wie gebaut und wie Güter hergestellt werden, sind zahlreiche Ähnlichkeiten zu erkennen. Eine der einprägsamsten ist es vielleicht, dass keine der polynesischen Gesellschaften die Metallverarbeitung erforscht und genutzt hat und Werkzeuge daher meist aus Stein oder Knochen waren. Ähnlichkeiten ließen sich immer auch in der Art und Weise des Siedlungsaufbaus und der Konstruktion von Gebäuden oder aber auch Kanus und Doppelrumpfbooten erkennen.

Auch scheint es im polynesischen Kulturraum eine mehr oder minder einheitliche Sicht auf die Welt zu geben: Zwar kennt keine der vielen polynesischen Sprachen ein Wort für Religion, doch sind die indigenen Gesellschaften dieser Pazifikregion bis heute geprägt von starker Spiritualität, einer Spiritualität zudem, die nicht abgekoppelt, sondern im Einklang mit der Realität fungiert.

Bis heute lebendig sind zudem einige der tradierten Rituale, Bräuche und mit ihnen einhergehende Kleidung und Schmuck: die ausladenden, bunten und teils Furcht einflößenden Gewänder und Masken, die vielen ‚sprechenden‘ Tänze, die reiche musische Tradition, die vielen im polynesischen Dreieck entstandenen Musikinstrumente, die beeindruckende Holz- und Steinkunst und nicht zuletzt die herrlicher Tradition des Geschichtenerzählens, die für diese schriftlosen Gesellschaften von ungemeiner Bedeutung waren.

Tapati

Tapati-Fest auf der Osterinsel

Was bei all dem deutlich wird: Wer Polynesien wirklich verstehen mag und sich nicht durch hunderte, tausende Seiten von wissenschaftlichen Monografien arbeiten mag, der muss es erleben, selbst bereisen und sich der indigenen Bevölkerung aussetzen.

Fest Napuan 2010; CC BY-SA 3.0 & Tapati 2452a; CC BY-SA 3.0

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  1. Avatar

    So aussichtslos, wie auch auf diesen Seiten beschrieben, ist das Verständnis der vermeintlichen Osterinselschrift durchaus nicht. Aber so lange an den alten Vorstellungen einer Schrift von Rapanui festgehalten wird, so lange Rongorongo als unentzifferbar gelten SOLL, so lange wird es auch keinem neuen Ansatz gelingen, gehört zu werden. Rongorongo ist entzifferbar – aber nur dann, wenn sachliche Vernunft sich gegen die Science Society durchsetzen kann, die blockiert und verleugnet, was nicht in ihren mainstream passt.

  2. Avatar
    Tatus, Marianne

    Im Abschnitt „Die Fläche“ bitte berichtigen: Neuseeland von der Antarktis abgebrochen …..und auf Reise gen Nordosten …..

    • Avatar

      Liebe Frau Tatus,
      vielen Dank für den Hinweis. Da hat sich wohl ein kleiner Fehlerteufel eingeschlichen. Ich habe den Fehler soeben korrigiert.
      Herzliche Grüße,
      Viviane vom PTH-Team

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