Kunden-Reisebericht: Beobachtet und Beobachtende. Begegnungen am Sepik River in Papua Neuguinea

Schon als Studentin hatte ich die kulturanthropologischen Bücher von Margaret Mead mit großer Begeisterung gelesen. Ihre Schilderungen prägten mein Denken nachhaltig. Besonders die Beschreibungen der Erziehungsmethoden in den verschiedenen Kulturen Papua-Neuguineas hatten es mir angetan. Mein spezielles Interesse galt den Arapesh, die laut Mead durch ihre kindgerechte und friedvolle Sozialstruktur ein harmonisches Zusammenleben ermöglichten. Die Sehnsucht, diese Gesellschaftsformen mit eigenen Augen zu erleben, ließ mich nie los.

Mir war bewusst, dass sich seit Meads Forschungen vieles verändert hatte. Auch Papua-Neuguinea war inzwischen nicht mehr von den Einflüssen der globalen Konsumgesellschaft verschont geblieben. Dennoch hoffte ich, noch Spuren jener ursprünglichen sozialen Gefüge zu entdecken.
 


 
Lange hielten mich jedoch Reisewarnungen davon ab, dorthin zu fahren. Es hieß, besonders Frauen seien beim Abheben von Bargeld an Geldautomaten häufig Ziel bewaffneter Überfälle. Schließlich entschloss ich mich, an einer kleinen Gruppenreise von Pacific Travel House teilzunehmen. Da hatte man die Reise schon im Vorfeld bezahlt und brauchte nicht so viel Bargeld abheben. Der Einstieg war sanft: Drei Tage verbrachten wir abgeschieden in einer Regenwaldlodge im Hochland nahe Mount Hagen, wo wir vor allem Paradiesvögel beobachteten. Und wir sahen nicht nur den Lesser oder den Bandschwanz Astrapia, sondern auch den Raggi-Paradiesvogel. Das war ideal, um sich sicher zu fühlen und das Schöne im Land zu genießen.
 


 
Natürlich war in unserer Reiseplanung auch der Genuss eines direkt am Meer gelegenen schönen Hotels in Madang, dem Madang-Resort, einbezogen. Dieser Ort hieß zur deutschen Kolonialzeit Friedrich-Wilhelmshaven. Viele Trauminseln lagen vorgelagert und konnten von uns nacheinander entdeckt werden. Bootsfahrten, Schnorcheln auf einsamen Inseln wie Pig Island und Dorfbesuche gehörten selbstverständlich zum Programm. Ich habe die Ausflüge sehr genossen. Doch mich interessierte vor allem das kulturell Besondere dieses Landes.

 

 
Der kulturelle Höhepunkt der Reise sollte das Goroka-Festival sein – dieses wurde vormittags exklusiv für Touristengruppen mit einem besonderen teuren Pass zugänglich gemacht. Ich fühlte mich stets sicher und gut aufgehoben, PTH hatte unsere Reise gut vorbereitet und die exklusiven Pässe schon im Vorfeld gebucht, so dass wir das Fest voll und ganz genießen konnten ohne Angst vor Taschendieben. In Ruhe konnten wir das Eintreffen der verschiedenen Gruppen von nah und fern beobachten. Unser Bus fuhr uns immer wieder an die geeigneten Stellen, wo die Gruppen von nah und fern ankamen. So konnte unsere Vorfreude wachsen. Wir sahen die farbigen Kostüme, den Federschmuck und ahnten schon, was uns auf dem Festplatz erwarten würde. Schließlich wartete auf uns das größte Stammestreffen der Welt. Und das Arrangement, schrittweise immer mehr Gruppen zu sichten, erhöhte die Spannung und Begeisterung. Vor dem Fest hatten wir auf dem Platz Gelegenheit, unsere Gesichter mit Wunschmotiven bemalen zu lassen. Meine Wahl war ein blauer Schmetterling auf meiner Wange, Elke aus der Gruppe wählte einen Paradiesvogel.

 


 

Wir hatten genug Zeit, uns auf das Eintreffen der Gruppen auf dem ausgedehnten Festplatz zu freuen. Von Weitem hörten wir schon die Klänge der Kundu-Trommeln nahen. Durch ein dekoriertes Tor trat jede Gruppe einzeln ein. Ich war sehr glücklich, dass alles so wohlbedacht organisiert war, dass ich wirklich jede Gruppe mit den jeweiligen farbigen Baströcken, Penisköchern, flatternden textilen Armbedeckungen, muschelbesetzten Stirnbändern, opulenten Ketten aus Schneckengehäusen und Muscheln, farbiger Körperbemalung oder geflochtenen Hüten genau beobachten konnten. Ich war begeistert, wie nahe wir den verschiedenen Gruppen kamen und jede Tanz-Performance genau beobachten konnten. Wir konnten fantastische Nahaufnahmen machen und wurden manchmal von den Gruppen angeregt, uns gemeinsam fotografieren zu lassen. Mich begeisterte der Klang der vielen Kundu-Trommeln und der Kopfschmuck der vielen Gruppen. Einige hatten echte Paradiesvogel-Federbüschel auf den krausen Haarschöpfen dekoriert. Die Engawals aus dem westlichen Hochland trugen stolz die Federpracht der Raggi-Paradiesvögel. Frauen schmückten sich mit Muschelketten. Es war paradiesisch, dieses Fest zu erleben.
 


 
Mein persönlich größtes Ziel war der Sepik River. Besonders das Dorf Maprik mit dem Kulthaus der Abelam hatte es mir angetan – ein Volk, das laut Mead den Arapesh kulturell nahesteht. Und meine Erwartungen wurden erfüllt: Während unserer viertägigen Fahrt im Einbaum lernten wir mehr unterschiedliche traditionelle Dorfgemeinschaften kennen, als ich je zu hoffen gewagt hatte.
 


 
Die langen Stunden im Boot wurden durch improvisierte Rattanstühle, die in einer Reihe auf dem Boden hintereinander aufgestellt wurden, etwas komfortabler. In den Dörfern wurden wir mit Singsings empfangen und durften Kulthäuser besichtigen. Manchmal fragte ich mich, ob wir mit unserem touristischen Blick zu tief in die Intimsphäre dieser Kulturen eindrangen – besonders wenn wir jede geschnitzte Dachverzierung und alle Tanzenden auch sehr nahe fotografierten.
 


 
Doch diese Zweifel lösten sich nach zwei Tagen in einem unerwarteten Moment auf. Wir übernachteten stets in der Wagu Lodge, einfachen Stelzenhäusern am Fluss. Nach unserer Rückkehr von den Tagesetappen wurden die Boote ans Ufer gezogen und unsere Stühle zum Trocknen aufgestellt. Eines Abends sah ich, wie Kinder des Dorfes die Stühle unter ein Haus trugen, sie in Reih und Glied aufstellten, sich hineinsetzten – und uns spielten.
In einem fantasievollen Rollenspiel ahmten sie unsere Sitzordnung im Boot nach und sprachen dabei in einer Art Kauderwelsch, das wohl aufgeschnappte Sprachfetzen imitierte. Es war offensichtlich: Auch sie beobachteten uns – mit derselben Neugier, mit der wir ihre Kultur betrachteten. In diesem Moment wich mein Unbehagen einer stillen Freude: Es war ein Austausch auf Augenhöhe.
 

 
So wie Kinder überall auf der Welt Erlebtes im Spiel verarbeiten, machten sich auch diese Kinder ein Bild von unserer Welt. Sie rekonstruierten, was sie von uns gesehen hatten – unsere Art, als Fremde durch ihre Heimat zu reisen. Und ich empfand es als tröstlich ausgewogen, dass nicht nur wir sie betrachteten, sondern auch sie uns.

Wir staunten über die Stammeskulturen am Sepik River – und ihre Kinder staunten über unsere seltsame Art, in Reih und Glied auf Stühlen sitzend im Einbaumboot durch ihre Welt zu fahren.

 


Leicht veränderte Version der Reisegeschichte aus dem Buch:
Kaiser, Astrid (2026): Als Frau unterwegs II. Weitere Reisegeschichten aus aller Welt. Plön: Reisebuchverlag ISBN: 978-3947334834

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