Manche Orte kann man nicht einfach besuchen, man muss sie sich verdienen. Pitcairn Island ist so ein Ort. Keine Landebahn, kein Fährhafen, keine reguläre Schiffsverbindung. Wer hierher möchte, braucht Zeit, Geduld und eine gehörige Portion Abenteuerlust. Doch genau das macht diese winzige Felseninsel mitten im Südpazifik zu einem der faszinierendsten Reiseziele der Welt.
Wer die Anreise mit einem Versorgungsschiffe wie der Aranoa auf sich nimmt, erlebt etwas, das sich mit keinem anderen Reiseziel vergleichen lässt. Bewohnt von den Nachfahren einer der berühmtesten Meutereien der Seefahrtsgeschichte, scheint es beinahe, als hätte die Geschichte die Insel vergessen.

Pitcairn: Lage und Geografie
Pitcairn liegt im zentralen Südpazifik, auf halbem Weg zwischen Neuseeland und der Südspitze Südamerikas und damit buchstäblich am Ende der Welt. Die nächste bewohnte Insel, Mangareva im französisch-polynesischen Gambier-Archipel, ist rund 530 Kilometer entfernt. Die nächste größere Stadt: Papeete, gut 2.000 Kilometer nördlich.
Die Insel selbst ist vulkanischen Ursprungs, zerklüftet und steil. Mit einer Fläche von gerade einmal 4,5 Quadratkilometern ist sie kaum größer als ein mittelgroßes Dorf, doch was sie an Fläche vermissen lässt, macht sie durch Topografie wett: dramatische Klippen, dichte Vegetation, tiefe Schluchten und eine Küstenlinie, die keinen einzigen Sandstrand bietet, nur schwarzes Vulkangestein und tosende Wellen.
Das Klima ist subtropisch und mild, mit Temperaturen zwischen 18 und 28 Grad das ganze Jahr über. Regen fällt regelmäßig und hält die Insel üppig grün. Die besten Reisebedingungen herrschen zwischen April und Oktober, wenn die See ruhiger ist. Das Anlanden erfolgt per Beiboot und ist daher stark von den Wellenverhältnissen abhängig.
Die Meuterei auf der Bounty
Kaum eine Geschichte in der Seefahrtsgeschichte ist so oft erzählt worden wie die der HMS Bounty und kaum eine hat ihre Spuren so dauerhaft hinterlassen wie hier, auf dieser kleinen Felsenkuppe im Pazifik.
1789 meuterte ein Teil der Bounty-Besatzung unter der Führung von Fletcher Christian gegen Kapitän William Bligh. Bligh und 18 getreue Männer wurden in einem offenen Boot ausgesetzt. Die Odyssee führte sie nach einer 6.700 Kilometer langen Fahrt unbeschadet nach Timor. Christian und seine Mitstreiter hingegen suchten einen Zufluchtsort, weit genug vom Arm der britischen Marine entfernt.

1790 stieß die Bounty auf Pitcairn. Die Insel war auf den damaligen Seekarten falsch eingezeichnet und damit so gut wie nicht zu finden. Neun Meuterer, sechs tahitianische Männer und zwölf tahitianische Frauen gingen an Land. Die Bounty wurde im heutigen Bounty Bay verbrannt, um jede Spur zu tilgen. Erst 1808 entdeckte ein amerikanisches Schiff die Siedlung wieder und fand nur noch einen einzigen überlebenden Meuterer vor, John Adams.
Diese Geschichte klingt nach einem Abenteuerroman. Auf Pitcairn ist sie gelebte Realität. Die Nachfahren jener ersten Siedler leben noch heute hier, tragen die Namen der Meuterer: Adams, Christian, Warren. Ihre Identität ist so einzigartig wie der Ort selbst.
Bevölkerung und Alltag auf Pitcairn Island
Pitcairn ist die am dünnsten besiedelte Gebietskörperschaft der Welt. Gerade einmal 40 bis 50 Menschen leben dauerhaft auf der Insel und die Zahl sinkt seit Jahrzehnten weiter, da viele Jüngere auswandern. Die gesamte Gemeinschaft passt in einen einzigen Gemeinschaftssaal.
Trotz ihrer Abgeschiedenheit funktioniert die Insel erstaunlich gut. Es gibt eine Schule, ein Krankenhaus mit einem Arzt, eine Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten sowie eine eigene Verwaltung. Der Glaube prägt das gesamte Leben auf der Insel, inklusive Samstag als Ruhetag. Die Insel ist ein britisches Überseegebiet, hat aber weitgehend autonome Strukturen.

Das Alltagsleben dreht sich um Fischerei, Gartenbau und die Versorgung aus dem Meer. Die gemeinschaftliche Arbeit und die kollektive Nutzung von Ressourcen sind bis heute zentrale Prinzipien. Alle packen an, wenn ein Versorgungsschiff kommt. Das ist keine Folklore, sondern schlichte Notwendigkeit.
Anreise: der Weg ans Ende der Welt
Es gibt keine Landebahn auf Pitcairn. Wer die Insel besuchen möchte, muss zwingend per Schiff anreisen und selbst das ist keine einfache Angelegenheit. Der Ausgangspunkt für die meisten Besucher ist Mangareva auf den Gambier-Inseln in Französisch-Polynesien, von wo aus gelegentlich Versorgungsfahrten und Charterboote nach Pitcairn verkehren. Das neue Versorgungsschiff Aranoa bietet im Rahmen seiner Südsee-Routen inzwischen auch Pitcairn-nahe Expeditionen an. Die Überfahrt von Mangareva dauert je nach Wetterlage zwischen 30 und 36 Stunden.

Selbst bei Ankunft ist eine Landung nicht garantiert: Da es keinen Hafen gibt, erfolgt der Transfer per Longboat durch die Brandung der Bounty Bay. Bei rauer See bleibt das Schiff in sicherer Entfernung von der Insel. Diese Unberechenbarkeit ist Teil des Erlebnisses und ein guter Grund, die Reise sorgfältig zu planen und ausreichend Zeit einzukalkulieren.
Sehenswürdigkeiten und Aktivitäten
» Bounty Bay
Der einzige Landepunkt der Insel ist gleichzeitig ihr historischster Ort. In der kleinen Bucht, umgeben von schwarzen Lavafelsen, wurde 1790 die HMS Bounty versenkt. Anker und Teile des Schiffswracks wurden geborgen und sind im lokalen Museum ausgestellt. Die Atmosphäre der Bucht ist wild, abweisend und doch faszinierend. Sie passt perfekt zur Geschichte, die sich hier zugetragen hat.

» Adamstown
Die einzige Siedlung der Insel liegt erhöht auf einem Plateau über der Bounty Bay, erreichbar über einen steilen, gepflasterten Weg namens The Hill of Difficulty. Adamstown ist kein Dorf im klassischen Sinn, es ist eine Handvoll kleiner Wohnhäuser, ein Gemeinschaftshaus, eine Kirche, ein Museum und ein Postamt, das unter Briefmarkensammlern weltweit Kultstatus genießt. Die Pitcairn-Briefmarken gehören zu den begehrtesten und seltensten der Welt.
Ein Spaziergang durch Adamstown ist ein Gang durch 230 Jahre gelebte Geschichte. Die Bewohner sind gastfreundlich und erzählen bereitwillig von ihrer Insel. Viele sprechen neben Englisch noch Pitcairnese, einen einzigartigen Kreol-Dialekt, der aus dem Englisch des 18. Jahrhunderts und dem Tahitianischen entstanden ist.

» Wanderwege und Aussichtspunkte
Pitcairns natürliches Inneres ist dicht bewaldet und von schmalen Pfaden durchzogen. Der Weg zum Gipfel des Highest Point (etwa 347 Meter) belohnt mit einem Panorama, das bei klarem Wetter bis zum Horizont reicht, nichts als Ozean in alle Richtungen. Wer das volle Ausmaß der Isolation spüren möchte, muss nur hinauf steigen und versteht es sofort. Ein weiterer lohnender Pfad führt zu den sogenannten Bounty-Ruinen im Dschungel. Die Überreste der frühen Siedlung werden hier langsam von der Vegetation zurückerobert.

» Schnorcheln und Tauchen
Das Unterwasserleben rund um Pitcairn ist außergewöhnlich. Dank der extremen Abgelegenheit und dem daraus resultierenden Ausbleiben von Massentourismus sind die Riffe hier in einem Zustand, den man anderswo im Pazifik kaum noch findet. Haie, Rochen, Schildkröten und eine reiche Korallenwelt, alles in glasklarem Wasser. Das Wrack der Bounty liegt in der Bucht in rund zehn Metern Tiefe und ist für Taucher zugänglich.

» Vogelbeobachtung
Pitcairn und die unbewohnten Nachbarinseln Henderson, Ducie und Oeno (zusammen das Pitcairn-Inselgebiet) sind bedeutende Brutgebiete für Seevögel. Henderson Island, ein UNESCO-Weltnaturerbe, beherbergt vier endemische Vogelarten. Für Ornithologen ist dieses entlegene Inselgebiet ein echtes Ziel.
Übernachten und praktische Informationen
Hotels gibt es auf Pitcairn nicht. Übernachtungsgäste werden in privaten Gästehäusern bei Einheimischen untergebracht, was den Aufenthalt zu einer ungewöhnlich persönlichen Erfahrung macht. Die Verpflegung erfolgt meist gemeinsam mit der Gastfamilie, oft mit frischem Fisch, Früchten und Gemüse aus dem eigenen Garten.
Internetzugang ist vorhanden, aber begrenzt und unzuverlässig. Bargeld (Neuseeland-Dollar) sollte mitgebracht werden, da es keine Bankfiliale und keine Kartenzahlung möglich ist. Medizinische Grundversorgung ist vor Ort möglich; für ernsthafte Erkrankungen ist eine Evakuierung per Schiff oder Helikopter nötig. Ein weiterer Grund, die Reise gut vorzubereiten und eine entsprechende Reiseversicherung abzuschließen. Die Einreise erfordert eine vorab beantragte Genehmigung der Pitcairn Island Administration.

Fazit: Für die, die es wirklich wollen
Pitcairn ist kein Reiseziel für spontane Entscheidungen und kein Ort für Komfortreisende. Es ist ein Ziel für Menschen, die bereit sind, für ein Erlebnis wirklich etwas auf sich zu nehmen und die dafür mit etwas belohnt werden, das kaum ein anderer Ort der Welt bieten kann. Hier gibt es absolute Stille, unberührte Natur, lebendige Geschichte und die Begegnung mit einer Gemeinschaft, die wie keine zweite auf der Welt ist.


